Einzigartiges künstlerisches Sozialprojekt in Enns

Nähen um zu Überleben

Vorarlberg, 1993: Der Bosnienkrieg löst eine Flüchtlingswelle enormen Ausmaßes aus. Auch im Caritasheim in Nenzing  finden viele Zuflucht – traumatisiert, kräftelos, ohne jede Perspektive, dazu gezwungen, auf engstem Raum zu warten, was mit ihnen passiert. Plötzlich blitzt ein Licht am Ende des hoffnungslos erscheinenden Tunnels Namens Leben auf. Dieses Licht heißt Bosna Quilt Werkstatt.

Ein Quilt ist eine dünne Decke, der als Bettüberwurf und auch als Wandbehang verwendet werden kann, verziert mit Steppnähten. Das Quilten, bei dem dünne Stoffe miteinander (kunstvoll) versteppt werden, ist eigentlich in fast allen Gegenden der Welt zu finden. Auf jeden Fall ist es weder eine speziell bosnische, noch eine vorarlbergische Tradition. Neuland für die Malerin Lucia Feinig-Giesinger sowie für die bosnischen Frauen.  Bosna Quilt sollte etwas für beide Seiten Neues entstehen lassen, auch um jegliche Verbindung zur Heimat vorerst zu kappen. Dass das Ergebnis ein Kunstsozialprojekt von mittlerweile beinahe schon jahrzehntelanger Dauer mit internationalem Ansehen sein würde, war nicht geplant.

Das Wunder liegt im Detail „Ich wusste damals noch nicht, wie wichtig dieses Projekt für mich und die Frauen werden würde. Vor allem die Tatsache, dass der Quilt Teamarbeit erfordert, denke ich, ist ausschlaggebend für den Erfolg.  Für den Quilt sind zwei Entwürfe nötig: der Flächige, eigentlich das Patchwork, die Komposition der verschiedenen Flächen,  für den ich als Malerin zuständig bin und der Linien-Entwurf, für den die Frau, die den Quilt näht, verantwortlich ist. Auf diese Weise ist es UNSER Quilt – der Quilt von Safira Hoso und mir, von Vesna Malokas und mir.“ erklärt Lucia Feinig. Das stundenlange, hochkonzentrierte Arbeiten mit den Stoffen hilft den Frauen, auf andere Gedanken zu kommen, sich zu entspannen und die Erlebnisse des Krieges zu verarbeiten. Bis zu 32 Flüchtlinge arbeiteten regelmäßig in einer von der Caritas zur Verfügung gestellten Garage an den Quilts, sie tranken gemeinsam Kaffee, hörten Radio und fanden so neuen Lebensmut.

Das Schöne und das Elend Mittlerweile befindet sich die Quilt-Werkstatt in Bosnien. Mehr oder weniger freiwillig sind die Frauen 1998 in die Enklave Gorzade an der Drina zurückgekehrt. Immer noch unvorstellbar groß ist die Arbeitslosigkeit in der im Krieg jahrelang eingeschlossenen Gegend. Die nun nur mehr 12 Näherinnen leisten mit dem Nähen der Quilts einen wichtigen Beitrag zum Familieneinkommen. Doch auch wenn die psychische Belastung durch die nach wie vor katastrophalen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in der Gesellschaft groß ist, sind Vesna Malokas und ihre Freundinnen guten Mutes. Vor allem im Sommer schätzen sie ihr Land sehr, ähnelt es doch stark der Toskana. Der Sommer, das ist auch die Zeit, in der Lucia Feinig ihre Mitarbeiterinnen regelmäßig besucht. Und dann, um, wie sie sagt, zu sehen, ob es ihnen auch in der rauen, dunklen Jahreszeit gut geht, noch einmal im November oder Dezember. Diese Besuche sind wertvolle, fruchtbare Erfahrungen für die bosnischen Frauen, aber vor allem auch für Lucia Feinig. Schließlich prägt das Projekt auch ihr Leben stark. Die Ausstellungen von Bosna Quilt faszinieren mittlerweile ein internationales Publikum – vor allem auch weil sie eine Form von „Entwicklungshilfe“ dokumentieren, die viel zu selten ist: Hilfe zur Selbsthilfe.

Bosna Quilt: Von 17.9 – 2.10. im Schloss Ennsegg in Enns. Infos unter www.bosnaquilt.at

Erschienen im Oberösterreichischen Kulturbericht – Folge 9 – September 2011

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