Die EXTREMHÄKLERIN von Wels oder:

„Alles was sich um den Finger wickeln läßt, kann auch gehäkelt werden“
Sagt eine Passantin zu einer Künstlerin, die mitten in Wels vor ihrem Atelier auf einer Bank sitzt und häkelt: „Hallo Claudia, woran arbeitest du denn gerade?“ „Ach, an einer Hülle für einen Fahrradständer in Kanada.“ Darauf die Passantin: „Super! Du übrigens, ich bräuchte mal wieder einen neuen Lampenschirm für mein Geschäft. Häkelst du mir einen aus Draht?“

Eigentlich wollte sie auf die Kunstuniversität. Doch die Eltern hatten andere Pläne für ihre Tochter. Etwas „Gescheites“ sollte sie lernen, anstatt „irgendwas zu studieren“. Claudia – damals noch – Hopfer sollte Lehrerin werden. Und weil diese Idee so schlecht nun auch wieder nicht war, fügte sich Claudia und tat, was die Eltern geplant hatten. Sie wurde Volksschullehrerin und engagierte sich auf dem Gebiet der Integrationspädagogik, die in Wels gar nicht so unwichtig ist, schwelen doch so einige kulturelle Brandherde in der Stadt.

Tausche Zeigestab gegen Häkelnadel Bald tauchte in Claudias Lehrerleben der „Neugebauersohn“ auf und nach zehn prüfenden Jahren wurde dann auch gleich geheiratet. Um mit den gemeinsamen Kindern ausreichend Zeit verbringen zu können, hängte die brave Ehefrau schließlich den Lehrerberuf an den Nagel und fand als „Creative Director“ ihre Aufgabe im „schwiegerelterlichen“ Betrieb. Und dabei sei erwähnt, dass die Schwiegereltern ja nicht irgendwer waren. Sie waren DIE Neugebauers aus Wels. Die mit dem großen, gut gehenden Bekleidungsgeschäft in der Pfarrgasse. So kam es, dass sich Claudia endlich – Jahre nach dem elterlichen Veto – wieder der Kunst widmete: Zunächst im Zusammenhang mit dem Geschäft, dann der Malerei, und schließlich dem Häkeln. Da war und ist der Neugebauer-Bonus übrigens ganz praktisch.

„Eingeborenen-Bonus“ Denn als Welser „Eingeborene“ wird „die Neugebauer“ auch von den noch so Kunstuninteressierten nur bedingt belächelt, wenn sie mitten am Stadtplatz eine ihrer „Anarchohäkelrunden“ (Anarcho deshalb, weil es keine Vorschriften für Schnitt, Muster und Material gibt) organisiert und die Stadt mit ihren „Yarn Bombings“ verziert. Auf diese Idee ist sie übrigens durch die Rechte Szene in Oberösterreich gekommen. Diese hatten die Regenrinne vor ihrem Atelier als Hintergrund für „Neonazi-Aufkleber“ missbraucht. Da reichte es Claudia Neugebauer und sie häkelte – um die Rinne unbeklebbar zu machen –einen Schlauch herum. Siehe da, die Pickerl verschwanden… Mit dieser Aktion dockt die humorvolle Welserin übrigens an die weltweite „Strick Graffiti“ Bewegung an, die 2005 mit Magda Sayeg in Houston/Texas ihren Ausgangspunkt hat.

Wie bitte häkelt man mit Draht? Claudia verhäkelt mittlerweile nicht mehr nur Garn, sondern vor allem auch Draht und macht daraus Lampen, Skulpturen und vieles mehr und das mit großer internationaler Resonanz. Denn die Extremhäklerin aus Wels ist mit ihrer „Fiber Art“, mittlerweile zu einer weltweit agierenden Künstlerin geworden. Derzeit arbeitet sie zum Beispiel an einem Stück für eine Ausstellung in Neuseeland.

Am Ende bleibt alles gut in Wels Es war also eigentlich ganz gut, dass Claudia nicht auf die Kunstuniversität gehen durfte. Denn sonst wäre sie am Ende womöglich in Wien, Berlin, Paris oder gar in Übersee gelandet, hätte sich einer Künstlercommunity angeschlossen und Wels wäre um einiges weniger lustig, bunt und kritisch.

Schauen sie doch einfach mal vorbei, am Stadtplatz Nummer 19 im „atelier kreativ wels“ (oder auf ihrer Homepage www.neugebauer.at/akw/). Aber Vorsicht, lassen sie sich bloß nicht verhäkeln!

(Begriffsklärung: Strick Graffiti/Yarn Bombing/ Guerilla Knitting ist eine subversive Kunstform, die sich dem Stricken oder Häkeln bedient. In New York, London oder Paris werden seit Jahren teils in nächtlichen Aktionen z.B. ganze Fahrzeuge eingestrickt. Das erste groß angelegte österreichische Projekt mit dem Titel „Knit her story“ fand im März im Zuge des 100. Frauentages statt. Dabei wurden zahlreiche Objekte entlang der Wiener Ringstraße umstrickt.)

Erschienen im Oberösterreichischen Kulturbericht – Folge 7 – Juli 2011

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