Absurder Alltag oder: Schützenswerte Krebse, arme Schweine

Letztens am Spielplatz: Ein Schuljunge findet einen Flusskrebs, steckt ihn in eine Cola-Flasche und ist im Begriff, den frischen Fang mit nach Hause zu nehmen. Zwei mir bekannte und von mir sehr geschätzte Mütter sind entsetzt ob dieses Eingriffes in die Natur und versuchen, die Flusskrebsentführung zu verhindern.

Da der Junge sich nicht vom Apell der Mütter an seine Moral (der arme Krebs) beeindrucken lässt, recherchieren die Beiden mittels I-Phone, ob dieser Flusskrebs ev. unter Artenschutz stehe. Denn das, so denken sie, wäre sicherlich ein überzeugendes Argument. Nach Abschluss der Informationsbeschaffung allerdings – heimische Flusskrebse stehen übrigens unter Artenschutz – verkündet der Sohn einer der Mütter aufgeregt, er habe den Krebs in einem unaufmerksamen Moment des Schuljungens befreit. Erleichtertes Aufatmen geht durch die Runde, der Beschluss, zur Feier des Tages am Spielplatz zu Abend zu essen steht fest. Und schon geht es auf zum nahegelegenen Supermarkt, wo Salami-Semmerl für den kleinen Robin Hood der Flusskrebse und die immer noch aufgeregten Mütter besorgt werden.

Die Absurdität dieser Situation wurde mir erst zu Hause klar, sonst hätte ich sicherlich sofort eine kurze, aber gute (natürlich) Predigt über Massentierhaltung losgelassen. So muss ich Sie mit dieser Causa konfrontieren, schließlich trägt Schreiben zur Verarbeitung von Erlebtem dar.

Absurd ist unser Alltag, in vielen Belangen. Ich zum Beispiel betätige nur mehr bei jedem dritten Toilettengang die Spülung, um Wasser zu sparen, fahre dennoch nach wie vor regelmäßig mit dem Auto. Während weiters regelmäßig beachtliche Mengen an, natürlich, Bio-Lebensmittel in unserem Kühlschrank vergammeln, spreche ich von nachhaltigem Konsumverhalten. Und während ich dies hier schreibe, freue ich mich auf meinen Feierabend, an dem ich endlich mal wieder (online) Kleidung shoppen werde. Fair Trade und aus Biobaumwolle natürlich, brauchen tue ich diese trotzdem eigentlich nicht.

Im  Übrigen überlege ich, das kleine süße Knopfgeschäft in meinem Heimatort zu übernehmen, denn ich finde es unendlich schade, dass auch dieses Relikt aus alten Zeiten sonst bald zusperren wird… Ob die Knöpfe wohl Bio sind? Absurd, alles, oder?

Erschienen auf www.lebensart.at

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